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Internet-Erstveröffentlichung März 2011. Copyright © Johann Wilhelm Braun

 

Am 17. Juni 2015 wird die Stadt Karlsruhe ihr 300 jähriges Gründungsjubiläum feiern.

Zur Gründungszeit leitete die markgräfliche Wirtschafts- und Finanzverwaltung der

Kammerprokurator Johann Georg Förderer Edler von Richtenfels

 

Johann Georg Förderer Edler von Richtenfels im festlichen Habit eines Bergmanns („Förderer“!) mit Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach. Ausschnitt aus einem Kupferstich wohl des Jahres 1716.

 

 

„Von der Parteien Hass und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte", so Schiller im Prolog zu „Wallenstein“ über seinen Helden. Dieses Wort trifft ganz besonders auch auf Förderer von Richtenfels zu, wobei der „Hass“ sogar derart zu überwiegen schien, dass sein Name für etwa zwei Jahrhunderte geradezu einer Damnatio Memoriae unterlag. Erst seit Beginn des vorigen Jahrhunderts ist diese faszinierende badische Persönlichkeit überhaupt wieder ins Blickfeld der historischen Forschung gerückt, unter noch durchaus gegensätzlichen Beurteilungen.

Seit ungefähr zwei Jahren verfolge ich Förderers Spuren, die er in der Bücherwelt und vor allem auch in vielen Archiven hinterlassen hat – noch bei weitem sind nicht alle entdeckt.

 

Vorläufiger Lebensabriss

Die sich ursprünglich Fürderer nennende Famile (Vater und Großvater trugen ebenfalls den Vornamen Johann Georg) gehörte zur höheren oberländischen Beamtenschaft der Markgrafschaft Baden-Durlach. Am 25. Januar 1680 (nach dem Julianischen Kalender) wurde Johann Georg Fürderer/Förderer als erstes Kind des damaligen Schultheißen und Geistlichen Verwalters in Sulzburg/Baden geboren. 1696 begann er ein philosophisches Studium an der Universität Basel, verfasste bereits 1698 eine historische Dissertation an der Universität Straßburg („Dissertatio Historica De Causis Corruptae Historiae Antiquae“) und schloss 1702 mit einer juristischen Dissertation („De principum ac statuum Imp. Rom. Germ. jurisdictione territoriali“) sein Studium in Basel ab. Danach hat er viele Länder Mitteleuropas bereist, aber auch Rußland und die Türkei. Unter Kaiser Leopold I. († 5. Mai 1705) wurde ihm das Adelsprädikat „von Richtenfels“ verliehen. Ab 1707 stand er als Kommissionrat und Bergwerksdirektor in Diensten des Grafen/Fürsten Anton Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt. 1711 wurde er fürstlich fürstenbergischer Kammerrat in Donaueschingen. 1715 – 1717 war er als markgräflich badisch-durlachischer Kammerprokurator an der „Gründung“ Karlsruhes beteiligt. Danach hielt er sich ab 1718, inzwischen zum katholischen Glauben konvertiert, in bislang weitgehend unbekannten Funktionen in Wien auf, wo er 1730 jedenfalls kaiserlicher Hofrat war.

Verheiratet war er mit Christina Rosina geb. von Könitz (eine alte sächsische Adelsfamilie), verw. von Schierstedt, mit der er mindestens vier leibliche Kinder hatte. Eine Tochter kam am Geburts- und Namenstag („Karlstag“) des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach am 28. Januar 1714 noch während seiner Donaueschinger Dienstzeit zur Welt und erhielt nach ihrem fürstlichen Paten den Erstnamen Carolina Johanna Antonetta.

Förderer war außerodentlich vielseitig begabt und tätig als Jurist, Finanz-, Verwaltungs-, Manufaktur- und Bergbaufachmann, Nationalökonom, Alchemist, Arzneikundler, Theosoph, Historiker, Zeitungsverleger, Pädagoge und Poet.

Von seinen Schriften war bislang nur „Politischer Lustgarten eines Regenten“ von 1709 als von ihm stammendes Werk bekannt. Es ist eine Art merkantilistischer Fürstenspiegel für seinen Landesherrn, den Markgrafen Karl Wilhelm, dem er das Buch zu dessen Regierungsantritt widmete. Da die weiteren Publikationen nur anonym oder pseudonym erschienen, konnten sie ihm erst neuerdings zugeordnet werden: „Theosophische Gedanken“ (Frankfurt am Main 1709), „Theosophischer Wundersaal“ (Frankfurt am Main 1709), die 1719 – 1720 in Pressburg erschienene Zeitschrift „Atlantiades“ (d. i. Hermes/Merkur, der in der Mythologie ein Enkel des Atlas ist) und „Musae Theresianae” (Köln 1720), ein der Kaiserinmutter gewidmetes Andachtsbüchlein. Etwa ein Dutzend weitere in den Messkatalogen angekündigte Bücher sind verschollen oder haben das Licht der Öffentlichkeit gar nicht erst erblickt; von manchen gibt es aber Vorfassungen oder Erwähnungen in der Aktenüberlieferung. In der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe wurden inzwischen alle seine bisher bekannt und greifbar gewordenen Werke in kopialer Form zusammengetragen (man suche im Katalog unter den Titeln, auch die Dissertationen, genau in der oben genannten Form).

Förderer entwickelte viele Projekte, von denen er allerdings kaum etwas verwirklichen konnte: Dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später der „Soldatenkönig“) schlug er anläßlich seiner Heirat 1706 die Gründung eines „Cherubim-Ordens“ vor und entwarf dessen Statuten. Um 1707 konzipierte er in Arnstadt eine „Gesinde-Ordnung“ und eine „Cyclopedeia Monetaria“ („Universal-Geldlehre“). Vermutlich war er 1715 auch an der Abfassung der Statuten des Badischen Hausordens der Treue , der anläßlich der Karlsruher Stadtgründung errichtet wurde, und am ersten Privilegienbief  für die neue Siedlung beteiligt. Noch Anfang 1717, kurz bevor er seinen Dienst in Karlsruhe quittierte, entwarf er für den Markgrafen eine „Feuerordnung“. Über Jahrzehnte zogen sich seine Bemühungen um die Errichtung einer „Ritterakademie“ (einer Art höhere Erziehungsanstalt vornehmlich für adelige Jugendliche) hin, wofür er einen „Sicheren Vorschlag“ drucken ließ und an viele Personen und Höfe sandte. Insbesondere am Dresdener Hof Kurfürst Augusts des Starken von Sachsen wurde dieses Projekt ernsthaft diskutiert. Noch 1730 hat er von Wien aus mittels eines allgemein an den Kaiser und alle Potentaten des Heiligen Römischen Reichs adressierten, ebenfalls gedruckten Plans, auch seinem heimatlichen Landesherrn Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach angeboten, ein „Lyceum illustre“ in seiner Geburtsstadt Sulzburg auf eigene Kosten – er hatte es offensichtlichtlich als Bergbauunternehmer zu großem Wohlstand gebracht – zu errichten; der Markgraf sollte ihm dafür lediglich das Grundstück des verfallenen Klosters St. Cyriak zur Verfügung stellen. Karl Wilhelm ließ sich jedoch, angeblich „der unsicheren Zeiten halber“, nicht darauf ein.

Förderers Todesdatum konnte bisher noch nicht ermittelt werden. Es liegt jedenfalls vor 1745, denn in diesem Jahr starb seine Frau am 4. März in Wien als Witwe.

 

Literatur

Es gibt noch keine größere und alle Aspekte umfassende Darstellung seines Lebens und Wirkens. Der „Politische Lustgarten eines Regenten“ wird im nationalökonomischen Fachschrifttum gelegentlich erwähnt, die beiden theosophisch-alchemistischen Werke sehr selten und ohne Bezug auf seine Person in der entsprechenden Literatur, die übrigen Publikationen sind ganz unbekannt geblieben. Über sein Ritterakademie-Projekt schrieb – ohne zu wissen, wer dessen Urheber tatsächlich war – Ernst Schwabe: Pläne und Versuch, um in Kursachsen eine Ritterakademie zu errichten. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte 17 (1907) S. 89 – 112. Lokalhistorisch ist er in Bezug auf die Gründung Karlsruhes erst durch Franz Schneider: Die Anfänge von Schloß und Stadt Karlsruhe. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins (ZGO) 85 (1933) S. 423 – 455 ins Blickfeld geraten. Diesem folgten mit überspitzter These R. G. Haebler: Der Mann, der die Stadt gründete. In: Die Pyramide 25. Jg. Nr. 3 vom 19. Januar 1936 S. 9 – 10, aber auch Wolfgang Leiser: Das Karlsruher Stadtrecht 1715-1752. In: ZGO 114 (1966) S. 207 – 225, vgl. S. 209f. und S. 221. Siehe auch Christina Müller: Karlsruhe im 18. Jahrhundert. 1992. S. 192 – 193, 213 und vor allem mehrfach Gottfried Leiber: Friedrich Weinbrenners städtebauliches Schaffen für Karlsruhe. Teil I: Die barocke Stadtplanung und die ersten klassizistischen Entwürfe Weinbrenners. 1996. S. 36 – 38 und Derselbe: Der Karlsruher Stadtgrundriß und seine geometrischen Grundlagen. In: ZGO 154 (2006) S. 224 – 225, sowie Derselbe: Markgraf Carl Wilhelm und sein ungewöhnlicher Kammerprokurator. In: Badische Heimat 90 (2010) Heft 4 S. 871 – 889.

 

Links

Der „Theosophische Wundersaal“ ist nach einem Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München von Google digitalisiert worden.

Siehe auch die Vorträge von 2009 zum Projekt der Karlsruher wirkstatt : „Karl Wilhelm der Große von Baden-Durlach“ und 2010 der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein sowie Stadtwiki Karlsruhe http://ka.stadtwiki.net/Johann_Georg_F%C3%B6rderer

 

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